Altstadt von Freiburg im Breisgau

Apothekensterben in Baden-Württemberg: Ursachen und Verlauf

Das Apothekensterben in Baden-Württemberg kam nicht über Nacht. Wer verstehen will, warum heute nur noch rund 2.070 Apotheken im Land arbeiten, muss ein paar Jahre zurückschauen. In diesem Beitrag liest du, wie sich die Zahlen entwickelt haben, welche Ursachen die Landesapothekerkammer nennt und was ein Dorf im Landkreis Rottweil erlebt hat.

Auf einen Blick

  • Anfang 2024 gab es 2.211 Apotheken, das waren 88 weniger als ein Jahr zuvor (Stand Januar 2024).
  • Ende 2024 waren es 2.152, nach 70 Schließungen und 4 Neueröffnungen.
  • Ende 2025 waren es 2.087, nach 66 Schließungen und 9 Neueröffnungen.
  • Als Hauptgründe nennt die Kammer ein jahrelang unverändertes Honorar, steigende Kosten, Bürokratie und fehlende Nachfolger.

Wie haben sich die Zahlen seit 2023 entwickelt?

Die Pharmazeutische Zeitung meldete im Januar 2024, dass zum Jahresbeginn 2.211 öffentliche Apotheken die Menschen in Baden-Württemberg versorgten, 88 weniger als ein Jahr zuvor. In den zehn Jahren davor war die Zahl um mehr als 16 Prozent gesunken. Kammerpräsident Martin Braun sagte damals, die jährliche Zahl der Schließungen sei doppelt so hoch wie zehn Jahre zuvor.

Ein Jahr später berichtete die dpa, 2024 hätten im Land 70 Apotheken dauerhaft geschlossen, vier hätten neu eröffnet. Zum Jahresende 2024 zählte eine Sprecherin der Kammer noch 2.152 Apotheken. Über 15 Jahre betrachtet, war die Zahl damals um mehr als 20 Prozent gefallen. Im Januar 2026 folgte die nächste Jahresbilanz: 66 Schließungen, 9 Neueröffnungen, 2.087 Apotheken, und über 15 Jahre fast ein Viertel weniger. Die Zahlen stammen aus verschiedenen Meldungen mit teils unterschiedlichen Stichtagen, deshalb gehen sie rechnerisch nicht auf den Einzelfall genau auf. Die Richtung ist aber eindeutig.

Zum Vergleich: Bundesweit gab es Ende 2024 noch 17.041 Apotheken, ein Jahr später 16.601. Baden-Württemberg folgt also dem Bundestrend, im ersten Quartal 2026 stach das Land mit seinem zweistelligen Minus allerdings heraus.

Welche Ursachen nennt die Kammer?

Martin Braun nannte im Januar 2025 vier Punkte: ausbleibende Honoraranpassungen, zunehmend belastende Bürokratie, Kostendruck und Probleme bei der Nachfolgesuche, wenn Inhaberinnen und Inhaber in den Ruhestand gehen. Hinzu kommt der Personalmangel. Laut ABDA wechseln qualifizierte Fachkräfte wegen fehlender Verdienstmöglichkeiten in die Industrie oder in Krankenhausapotheken.

Das feste Honorar

Der wirtschaftliche Kern ist das Packungshonorar. Es beträgt 8,35 Euro je rezeptpflichtiger Packung und wurde seit 2013 nicht angepasst, wie die Kammer im Januar 2026 festhielt. Im Februar 2023 wurde es laut Pharmazeutischer Zeitung faktisch um etwa 3 Prozent gekürzt. Die Ausgaben für verschreibungspflichtige Arzneimittel haben sich dagegen annähernd verdoppelt, ohne dass die Apotheken wegen des festen Betrags davon profitieren.

Nachfolge und Finanzierung

Wer eine Apotheke abgeben will, braucht jemanden, der sie übernimmt. Das ist vor allem auf dem Land schwierig. Die Kammer hat bereits 2025 darauf hingewiesen, dass ländliche Regionen besonders betroffen sind, weil Apotheken dort wichtige Anlaufstellen für Gesundheitsfragen und persönliche Beratung sind.

Was zeigt das Beispiel Villingendorf?

Wie konkret das aussieht, schildert APOTHEKE ADHOC im April 2026 am Beispiel Villingendorf im Landkreis Rottweil. Die letzte Apotheke des Ortes, die St.-Gallus-Apotheke, schloss Ende 2022 aus familiären Gründen. Seitdem sucht die Gemeinde einen Nachfolger. Bürgermeister Marcus Türk ließ neue Räume bauen, schrieb 21 Apotheken in der Region sowie die Landesapothekerkammer an und ließ ein Werbevideo drehen.

Die erste Kandidatin sprang früh ab, weil die Finanzierung nicht klappte. Eine zweite Apothekerin plante monatelang, stellte sich Vereinen und Nachbargemeinden vor, und eine Eröffnung im Juni schien zunehmend wahrscheinlich. Mitte März platzte die Übernahme dann doch: Mehrere Banken boten kein Darlehen an oder nur Konditionen, mit denen die Apotheke nicht rentabel gewesen wäre. Die nächste Apotheke liegt rund acht Kilometer vom Ortskern entfernt, benachbarte Apotheken haben ihren Botendienst ausgebaut. Der Bürgermeister sagt, das Projekt sei „vorerst“ gescheitert, hofft aber weiter auf eine Bewerbung.

Der Fall steht nicht für alle Gemeinden, zeigt aber, dass selbst gute Standortbedingungen (laut Bericht mehr als 5.000 Fahrzeuge täglich) eine Gründung nicht automatisch tragen.

Was kannst du aus der Entwicklung mitnehmen?

Die Entwicklung ist das Ergebnis mehrerer Faktoren, die sich gegenseitig verstärken: Kosten steigen, das Honorar bleibt, Nachfolger fehlen, Personal wird knapp. Den Beitrag zur Lage im Land, der diese Reihe eröffnet, findest du hier. Wenn du sehen willst, wie dicht das Netz bei dir noch ist, kannst du Apotheken in Baden-Württemberg auf der Karte finden. Für den Raum rund um Villingendorf ist Rottweil ein guter Ausgangspunkt, für die Rheinebene Karlsruhe.

Fällt eine Apotheke in deiner Nähe weg, lohnt es sich, bei der Stammapotheke nachzufragen, ob sie einen Botendienst anbietet. Viele Betriebe haben ihn in den letzten Jahren ausgebaut.

Quellen und weiterführende Links